IN VINO SANITAS – 4

Pro und contra: Ist Wein wirklich gesundheitsfördernd?

Liebe Leser, einen bekennenden Weintrinker über die gesundheitsfördernde Wirkung von Wein schreiben zu lassen, das klingt schon fast nach Leichtsinn, wenn der Beitrag für die Internetseiten einer Krankenversicherung gedacht ist. Aber gerade deshalb, das kann ich Ihnen versichern, ist die Recherche umso gründlich ausgefallen. Lassen Sie mich das Ergebnis gleich anfangs zusammenfassen, im Zitat eines „Bruders im Wein-Geiste“, des legendären Arztes und Alchemisten Paracelsus (1493-1541): „Allein die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist.“

Traube

Foto: MEV

Medizin der Antike

Ob Alkohol gesund sein kann, ist mehr als eine philosophische Frage. Schon Griechen und Römer wussten Wein als ältestes Kulturgetränk der Menschheit durchaus zu schätzen, wegen seiner positiven Wirkung auf Magen-Darm-Trakt und Kreislauf, aber auch als Antiseptikum, Badezusatz oder harntreibendes Mittel. Sie konnten ihn nur trinken und sehen, was passiert. Da sind wir heute weiter. Wir haben intensiv erforscht, was der Rebensaft mit uns macht – wenn wir ihn entweder in der richtigen Menge genießen, oder wenn wir zu oft und zu tief ins Glas schauen. Die Erkenntnisse der Ernährungswissenschaftler sind einerseits Genugtuung für alle gemäßigten, andererseits aber auch eine deutliche Warnung an alle hemmungslosen Weintrinker.

Woraus besteht Wein eigentlich?

Wein enthält neben 80 Prozent Wasser zwar auch die Vitamine C und B6, wobei ein Glas allerdings nicht mal für ein Fünftel unseres Tagesbedarfs reicht. Deshalb gleich fünf Gläser zu trinken wäre natürlich grober Unfug, weshalb wir zunächst auf die anderen Inhaltsstoffe schauen sollten. Zuerst und ganz wichtig wären da die Phenole zu erwähnen, die sich in hoher Konzentration in den Traubenkernen sowie im Holz der Fässer finden und vor allem im Rotwein vorkommen. Gemeinsam mit dem Alkohol üben sie tatsächlich eine Wirkung auf den menschlichen Organismus aus, die man als gesundheitsfördernd bezeichnen kann. Doch Alkohol bringt schon der Tafelwein zu reichlich mit – nämlich mindestens 8,5 Volumenprozent, wie es die Gesetzgebung der Europäischen Union vorschreibt. Deshalb bleibt auch zu Recht umstritten, ob der Nutzen des Weinkonsums wirklich größer sein kann, als die damit verbundenen Risiken.

 

 

Der Wein und seine positiven Seiten

Phenole und Alkohol zeigen gemeinsam oder jeweils für sich allein Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System:

  • Senkung der schädlichen Blutfette
  • Wirkung als Antioxidanz und damit Vorbeugung gegen Arterienverkalkung (Durchblutungsstörungen)
  • Erweiterung der Gefäße verbunden mit einer geringen Senkung des Blutdrucks
  • Senkung des Thrombose-Risikos durch die Reduzierung der Blutgerinnung (damit Verhinderung von Infarkten und Schlaganfällen)

Aber auch gegen die gefürchtete Osteoporose ist der im Wein enthaltene Alkohol ein probates Mittel zur Vorbeugung. Durch moderaten Konsum begünstigt er den Hormonhaushalt und verlangsamt die vor allem bei Frauen gefürchtete Entkalkung der Knochen. Er animiert zudem die Schilddrüse und mit seiner durchblutungsfördernden Wirkung sogar die Hirntätigkeit, regt die Produktion von Magensäure und damit die Darmbewegungen an. Wein, auch das ist eine wissenschaftliche Tatsache, schützt mit seiner antioxidativen Wirkung nicht zuletzt vor Tumoren und damit vor Krebs. Aber ganz klar: Praktisch alle positiven Wirkungen lassen sich auch durch andere Ernährungsformen erzielen und deshalb sollte kein Nichttrinker in dem Glauben zum Alkohol greifen, das er damit ausschließlich etwas für seine Gesundheit tut!

Wichtig ist zu wissen, dass die Polyphenolkonzentration in Rotwein mit gut 1.000 Milligramm pro Liter etwa zwanzig Mal höher ist, als im Weiswein. Freunde des hellen Rebensaftes können sich allerdings immer noch damit trösten, dass dessen ganz eigene Polyphenole wesentlich effektiver wirken. Weiter unten steht dann, wie man an diesen Inhaltsstoff herankommt, ohne dafür Alkohol schlucken zu müssen!

Die Risiken des Weinkonsums

Die Einschätzung ist falsch, dass mehr Wein die oben genannten positiven Wirkungen noch weiter steigern kann. Geht man über das Limit von ein oder maximal zwei Glas am Tag hinaus, überwiegen die „Nebenwirkungen“ und seine guten Eigenschaften schlagen ins Gegenteil um:

  • Die Gefahr steigt, an Hepatitis, Fettleber oder Leberzirrhose zu erkranken
  • Das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen steigt
  • Ein Schlaganfall wird wahrscheinlicher
  • Hormonhaushalt und Nervensystem werden gestört
  • Entzündungen der Bauchspeicheldrüse sind möglich
  • Das für unsere Gesundheit wichtige Vitamin B12 wird verbraucht
  • Durch die vom Alkohol gehemmte Harnsäureausschüttung steigt das Gicht-Risiko

Nicht zuletzt macht ein permanent hoher Weinkonsum abhängig, senkt die Hemmschwellen und steigert die Redseligkeit, was im Umfeld des Weinfreundes meist ebenfalls als Nachteil beobachtet wird.

 

 

Das französische Paradoxon

Wie kann ein Mensch sich reichhaltig ernähren, dem Wein und sogar der „Zigarette danach“ zusprechen und trotzdem im Durchschnitt weniger unter Herzkreislauf-Erkrankungen leiden, als wir Deutschen? Die Forscher nennen es das „Französische Paradoxon“, das uns unsere Nachbarn vorleben. Oberflächlich betrachtet machen sie genau das, wovor uns Sucht- und Ernährungsexperten völlig berechtigt warnen. Sie haben sogar einen höheren Cholesterinspiegel und noch öfter Diabetes. Doch beim genauen Hinsehen sieht es schon deutlich anders aus, wie mehr als 60 wissenschaftliche Untersuchungen für uns erkundet haben. In Frankreich gibt es praktisch keine Butter in der Küche, sondern meist nur gesünderes Olivenöl. Anstelle von Fleisch kommt wesentlich mehr Fisch und damit Omega-3-Fettsäuren auf den Tisch. Obst und Gemüse gehören in Mengen zu jeder Mahlzeit, die wir Andersesser bestenfalls im Urlaubsrestaurant tolerieren. Und der in genau dem richtigen Maß dazu kredenzte Wein darf in aller Ruhe seine gefäßerweiternde Wirkung ausüben, die Durchblutung verbessern und das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen senken. Mag das der Grund sein, warum die Franzosen mit 57 Millionen Hektolitern pro Jahr vor Italien und Spanien auf Platz 1 bei der Weinproduktion liegen? Vielleicht. Fakt ist aber auch, dass kein Mittelmeeranrainer die Flasche Wein auf den Tisch stellt, ohne gleichzeitig eine Karaffe Wasser dazu zu reichen. Das eine gegen den Durst, das andere für den Genuss.

Was ist moderater Weinkonsum?

Natürlich ist auch das erforscht. Frauen gestatten die Experten 20 Gramm und dem „starken Geschlecht“ zwischen 30 und 40 Gramm Alkohol am Tag – wobei etwa 20 Gramm in einem Glas enthalten sind. Dabei handelt es sich um so etwas, wie die zulässige Höchstgeschwindigkeit beim Autofahren. Sie zu überschreiten, wird bestraft – und zwar in diesem Fall von der Gesundheit.

Zu den gleichen Erkenntnissen kam auch die EPIC Norfolk Studie, bei der über 20.000 Menschen mehr als 15 Jahre lang beobachtet wurden. Wer mäßig Alkohol getrunken hat, profitierte von dessen positiver Wirkung, zumindest wenn das mit einer entsprechenden Ernährung mit viel Obst und Gemüse verbunden war. Auch in diesem Punkt können wir nur hochachtungsvoll auf unsere französischen Nachbarn sehen, die ziemlich genau doppelt so viel frisches Gemüse auf dem Teller haben. Allerdings leben die trotzdem nicht viel länger, weil sie noch mehr als die Bundesbürger rauchen und sich für ihre Mahlzeiten schon allein deshalb viel mehr Zeit lassen, damit sie noch einen weiteren Gang zum ohnehin zu reichhaltigen Menü bestellen können.

 

 

Hilft mehr auch mehr?

Der geneigte Leser mag durchaus die Freude des Verfassers gespürt haben, in einem Text für die Internetseiten der BKK24 den wissenschaftlich Beleg für die gesundheitsfördernde Wirkung des Weines recherchieren zu dürfen. Je nach Geschlecht und Körpermasse gestattet uns ja sogar die entsprechende Regel der EPIC Studie ausdrücklich zwischen sieben und vierzehn Einheiten pro Woche (also ein bis zwei Glas am Tag). Doch schlaue Rechner seien vor Additionen gewarnt. Wer seine erlaubte Menge zum Beispiel auf das Wochenende verdichtet und dann gleich zwei Flaschen in Reihe entkorkt, erweist seiner Gesundheit einen absoluten Bärendienst (siehe oben). Und wenn Sie das als überzeugter Weintrinker noch immer nicht glauben mögen, dann lesen Sie halt bei Jesus Sirach 31, Vers 25, in der Bibel nach: „Wie Lebenswasser ist der Wein dem Menschen, wenn er ihn trinkt mit Maß. Zu viel Wein steigert den Zorn des Toren zu seinem Fall, er schwächt die Kraft und schlägt viele Wunden.“

Gibt es Phenole nur aus der Flasche?

Und da wäre natürlich noch der abschließende Trost zu suchen, für die in diesem Artikel deutlich zu kurz gekommene deutsche Mehrheit der Biertrinker und die kleine Zahl derer, die lobenswerter Weise um Alkohol generell einen großen Bogen machen. Was können die für ihre Gesundheit tun? Die für unseren Körper so wertvollen Phenole nebst der Vitamine C, B1, B2 und B6 gibt’s tatsächlich auch in der ganz und gar nicht berauschenden Bio-Ausgabe: Essen Sie Weintrauben, liebe Leser – und zwar mit möglichst dicker Schale. Lassen Sie die kernlosen süßen und dünnhäutigen Modefrüchte im Supermarkt liegen und knabbern zu den Polyphenol-Kernen gleich noch Spurenelemente wie Zink und Mangan mit, damit Ihr Körper seine helle Freude daran haben kann. Und hinterher müssen Sie weder die Gläser abspülen, noch die Rotweinflecken aus der Tischplatte polieren!

Was macht Wein mit der Figur?

Sie haben es geahnt, dass da noch ein warnender Satz zum Abschluss kommt. Recht haben Sie. Wein im Glas und Wein in Trauben liefern Ihnen jede Menge Zucker mit, die weder für Diabetiker noch für Schlankheitsbewusste wirklich geeignet sind. 0,2 Liter Rotwein kommen mit bis zu 160 Kilokalorien daher und sind damit durchaus gehaltvoller, als die anderthalbfache Menge Weizenbier!

BKK24
Sülbecker Brand 1
31683 Obernkirchen

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